Posts mit dem Label Melancholie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Melancholie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 2. Januar 2020

Girls’ Last Tour

Chi und Yuu auf ihrem Krad. Chi schaut in die Kamera, während Yuu vor sich hin träumt.
Mit der besten Freundin dem Ende entgegen

Girls’ Last Tour ist mir letztens in die Empfehlungen reingerutscht und ich muss sagen: das war gut so. Der Anime hat mir sehr gefallen.

Eine Stadt mit Wohnblöcken erstreckt sich bis zum Horizont; am rechten Rand ragen massive Säulen auf, die eine Ebene über der Stadt tragen, auf der wiederum Wohnblöcke und Gebäude sind. Die setzt sich zwei weitere Ebenen, bis zum oberen Ende des Bildes.
Die entvölkerte, mehrebenige Stadt
Der Hintergrund ist fix erzählt. Chi und Yuu sind zwei Mädels, die durch eine menschenverlassene, postapokalyptische Stadt fahren, immer auf der Suche nach Proviant, Wasser und Treibstoff für ihr Kettenkrad. Dabei erleben sie nicht wirklich Abenteuer, sondern genießen die kleinen Glücksmomente, die sich ihnen auf ihrer Suche anbieten.

Weder für die Beiden noch für den Zuschauer ist es wichtig, was genau diese Stadt entvölkert hat, denn dies ist nicht der Sinn des Anime. Es gibt zwar Hinweise, wie zum Beispiel das Datum und die Bilder im Fotoapparat, aber diese sind nicht der Fokus und auch nicht das Ziel von den Beiden. Statt sich mit einem klassischen Handlungsbogen zu beschäftigen, schaut man Chi und Yuu zu, wie sie ihr Krad durch ein zerfallene, kilometerlange Gebäude steuern und sich ganz nebenbei über dieses und jenes und ihre Umgebung unterhalten. Der Zuschauer (bzw. Leser) folgt den beiden, wie sie sich Stück für Stück ihrem Ziel, die Spitze der Stadt zu erreichen, nähern. Dabei stolpern oder irren sie nicht voller Verzweiflung durch die Stadt, wie man es vielleicht von den (vermutlich) letzten Überlebenden eines Dorfes erwarten würde, sondern suchen scheinbar bloß nebenbei nach Lebensmitteln. Sie scheinen zu wissen, dass sie am Ende ihres Weges nicht wirklich Rettung erwartet und haben sich bereits oder versuchen sich damit abzufinden. Solange Chi und Yuu einander haben, können sie ihr Los ertragen.

Ich glaube, um dieses Werk richtig zu verstehen, sollte ich wohl kurz mal „Mono no Aware“ anschneiden. Dieses japanische Konzept lässt sich als „Der Pathos der Dinge,“ oder auch „Das Herzzerreißende der Dinge“ übersetzen und meint im wesentlichen, dass man sich ob der Vergänglichkeit und Endlichkeit von etwas abfinden muss. Man kann traurig sein, aber es zugleich akzeptieren. Wie sehr man das Licht einer Kerze auch liebt, irgendwann wird sie heruntergebrannt sein. Man mag traurig über dieses Ende sein und mit der Kerze Mitgefühl haben, aber man akzeptiert die Unabwendbarkeit.

Chi und Yuu stehen vor einem Panzer, aus dessen Lauf springbrunnenartig ein klarer Wasserstrahl sprüht; der Zufluss ist ein offenes Rohr oberhalb der Einstiegslucke, aus der Wasser direkt in den Panzer fließt.
Verlassenes Kriegsgerät + Wasser = Springbrunnen
Und genau in diesem Gefühl ist Girls’ Last Tour zuhause. Yuu und Chi wandern durch eine Welt, bei der jeder ihrer Schritte auf Menschenwerk fällt; sie sind umgeben von Lagerhallen und Kriegsgerät, deren Funktionen und Funktionsweisen sich ihnen nicht erschließen, und ihr Interesse daran ist auch beschränkt. Die Serie ist sehr Slice-of-Life, aber halt in einer Welt in welcher die Welt bereits größtenteils untergegangen ist und nur noch ihre Nachwehen durchlebt, bevor sie endgültig den Geist aufgibt.

Dabei sind die beiden Hauptcharaktere gute Gegenspieler. Die schwarzhaarige Chi ist pflichtbewusst und belesen und steuert das Krad, während die blonde und sorglose Yuu auf dessen Ladefläche liegt und sich auf die nächste Mahlzeit freut. Die beiden kümmern sich umeinander, nicht nur weil sie es müssen, sondern auch weil sie es wollen. Sie haben zwar ein diffuses Ziel, die oberste Ebene der Stadt zu erreichen, aber sie haben dieses eher, weil es ein brauchbares denn nützliches Ziel ist. Sie überleben um des Überlebens Willen auf dieser ihrer letzten Tour durch eine längst entvölkerte Welt.

Der Anime basiert übrigens auf der gleichnamigen 6-bändigen Mangareihe von Tsukumizu und setzt gut 2/3 der Vorlage um.

Ich habe das Gefühl, ich kann irgendwie nicht so richtig ausdrücken, was genau mich an der Serie so fasziniert. Ist es die Melancholie? Das postapokalyptische Setting? Das niedliche Charakterdesign? Der schöne Soundtrack? Ich kann es nicht festmachen, ich weiß bloß, dass mir die Serie sehr gut gefällt.
Es schadet auf jeden Fall nicht, dass sie mich in dieser melancholischen Grundstimmung an Hitoshi Ashinanos Yokohama Kaidashi Kikō / Yokohama Shopping Trip erinnert, das zwar auch irgendwie in einer dem Weltuntergang nahen Welt spielt, aber doch auch ganz anders ist.



Eine sehr schöne, melancholische Serie.

Titel: Girls’ Last Tour

Regie: Takaharu Ozaki

Länge: 12 Folgen à 24 Minuten (auf Netflix)

Sprache: Japanisch mit deutschen Untertiteln, Deutsch

PS: Das mit den militärischen Uniformen hat eine bestenfalls nebensächliche Bedeutung.

Freitag, 30. Mai 2014

her

Mehr als "Mann verliebt sich in Siri"



Die nahe Zukunft: Theodore (Joaquín Phoenix, Johnny Cash in Walk the Line) arbeitet seit einigen Jahren bei einer Internetfirma, die wunderschöne, handgeschriebene Briefe verschickt. Er verfasst diese, oft seit Jahren für die gleichen Klienten, und lebt auf diese Weise eine romantische Ader aus.

Privat lebt er seit einem Jahr von seiner Frau getrennt, es müssen nur noch die Scheidungspapiere unterschrieben werden, aber davor muss Theodore erstmal über die Trennung an sich hinwegkommen. Dabei hilft ihm sein neues Betriebssystem, kurz OS, das er sich aus einer Laune heraus gekauft hat. Der Clou an diesem OS ist, es enthält eine lernfähige, künstliche Intelligenz.

Sehr schnell wird das OS, welches sich selbst spontan den Namen Samantha (Luise Helm als Scarlett Johannssons Stimme) gegeben hat, mehr als eine weitere Möglichkeit, seinen Computer zu bedienen. Vielmehr entwickelt sich Sam zu einem Gesprächspartner, der Theodore aus seiner Melancholie befreit, die mit ihm zusammen die Welt wiederentdeckt, und schließlich – obwohl sie nur eine eine Stimme ist – zu seiner Freundin.

Doch als kommerzielles Produkt ist Sam nicht allein, ihre Grundstruktur, aus der sie sich selbst geschaffen hat, wurde tausende Male verkauft und so gibt es auch tausende andere OS, die sich mit Menschen und anderen OS anfreunden. Theodore's Welt bekommt wieder Risse…



Ich bin mit gewissen Erwartungen in her gegangen; eine romantische Komödie, mit mehr Feingefühl als Jungfrau (40), männlich, sucht…, aber meine Erwartungen wurden doch überraschend übertroffen. Es ist eher ein Melodrama mit einer starken romantischen Note, finde ich, als eine romantische Komödie. Theodore ist seit dem Scheitern seiner Ehe wirklich am Boden zerstört, seine Ehefrau, die er schon seit seiner Schulzeit kannte, scheint zwar Verständnis zu haben, aber auch Schuld. Man kann Theodores Bedürfnis nach emotionaler Nähe nachvollziehen.

Unterstützt wird diese emotionale Handlung durch die unfassbar gute Synchronisation, allen voran Luise Helm. Ich kann gar nicht genug hervorheben, wie gut sie die emotionalen Nuancen von Sam allein mittels ihrer Stimme überträgt. Ich habe meine Zweifel, ob das die Scarlett Johannsson  im Original besser hingekriegt hat.
Natürlich muss ich erwähnen, dass Deutschland eine ohnehin hervorragende Synchronisationsindustrie hat und üblicherweise der Tiefgang und die Handfertigkeit von Synchronsprechern durch die anderen Geräusche der Handlung übertönt werden. Es besteht also die Möglichkeit, dass die Synchro von her nur so gut wirkt, weil die Deuteragonistin nur als Stimme vorkommt und somit der Wahrnehmungsfokus ein anderer ist.

Jonze scheut sich auch nicht davor, die Probleme einer Beziehung mit einer (nominell) nicht lebenden, nicht menschlichen Person anzupacken – wie würde die Gesellschaft damit umgehen? Es gibt heute schon Menschen, die Tiere oder Gegenstände ehelichen, sei es nun aus Fetisch oder in nicht-sexuellen Liebesformen. Doch wie werden die "normalen" Leute damit umgehen, wenn der Partner ihres besten Freundes kein Gesicht hat, oder keinen Körper? Man könnte relativ problemlos Parallelen zu Sklavenehen ziehen, aber Jonze tut das nicht. 

Interessanterweise ist nach Transcendence her wieder ein Film, der die Singularität anschneidet. Nicht so offensichtlich wie Pfisters Film, aber das Konzept einer sich stetig verbessernden Intelligenz wird behandelt, und auch die Probleme einer solchen mit der Menschheit umzugehen.



Besser als erwartet.

Titel: her (dt.: Sie/Ihr (Einzahl))

Regie: Spike Jonze

Länge: 126 Minuten

Montag, 20. Januar 2014

Article 2

Luna steht nachts auf ihrem Balkon und überblickt Equestria; am Himmel gehen Wrackteile nieder.
Fanfic: Ein Marine am Hofe Celestias

Vorab: Wenn kein rudimentäres Wissen über My Little Pony: Friendship is Magic vorhanden ist, macht das Lesen keinen Sinn.



Über Equestria geht ein Komet nieder, der sich schnell als mehr entpuppt, als es den Anschein hat und Prinzessin Celestia ruft die Elemente der Harmonie herbei. Verwirrt sammelt Twilight ihre Freundinnen Rarity, Fluttershy, Rainbow Dash, Applejack und Pinkie Pie und wird direkt von einer fliegenden Eskorte abgeholt, die wesentlich straffer und militärischer organisiert ist, als sie es gewohnt ist.

In Canterlot schließlich werden die sechs aufgeklärt – der Komet war kein Komet, sondern ein Raumschiff. Das nicht von diesem Planeten ist. Und ein Alien hat die Bruchlandung überlebt, doch selbst die mächtige Magie von den Prinzessinen Celestia und Luna reicht nicht aus, um es zu heilen. Insbesondere, weil es irgendwie resistent gegen Magie ist. Mithilfe der Elemente der Harmonie gelingt es dann doch, den Alien zu heilen und zu wecken.

Es stellt sich als Major Shane T. Doran von den US Marines heraus.



Article 2 ist eine der seltenen MLP:FIM-Fanfictions mit Menschen, bei denen der Mensch nicht die Erzählperspektive liefert. Vielmehr bietet die Geschichte eher einen gewissen Blick von außen, wie die Menschen für die Ponys wirken müssen. Shane mit seiner militärischen Ausbildung und Weltanschauung ist dabei natürlich nicht gerade ein Paradebeispiel, das für die gesamte Menschheit spricht. Zumal sein Verhalten eher ruppig ist.

Die Geschichte ist nett geschrieben, aber hat ein paar Schwächen, die ich aber eher dem Zentralcharakter Shane ankreide als dem Autor. Es wird ein Tenor von "AMURRICAAAA" verbreitet, der ein bisschen widerlich ist, insbesondere aufgrund der Unreflektiertheit.



Im wesentliche Militärische Scifi + MLP:FIM

Titel: Article 2

Autor: Muppetz

Länge: ca. 125k Wörter, ca. 700 Seiten

Sprache: Englisch, Mittel

Status: laufend, letztes Update: Juli 2013

Sonntag, 24. November 2013

Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte

Ein Mann zwischen zwei laublosen Bäumen; unter ihm in der Erde, verschlungen in den Wurzeln der Bäume, das Skelett eines Tyrannosaurus
Deprimierende Lebensumstände und Liebe

Joseph ist ein alter, jähzorniger Sozialhilfeempfänger, der in einer entsprechenden Lage wohnt. In einem Wutanfall tritt er seinem Hund die Rippen ein, woraufhin dieser stirbt. Wütend über sich und seine Taten türmt Joseph in den Secondhandladen von Hanna, einer gläubigen Christin.

In seinem Zorn macht er sie verbal nieder und führt ihr vor, wie Gutmenschen aus ihrer Schicht solche Wohltätigkeitsarbeiten nur als Egotrip machen, während sie keine Ahnung davon haben, wie es Menschen in prekären Lagen wie Joseph geht.

Was Joseph nicht weiß – Hanna ist zwar Christin, und sie betreibt den Laden sicherlich auch aus Nächstenliebe, aber auch um vor ihrem nach außen hin perfektem Mann zu fliehen.

Und so finden Hanna und Joseph zueinander, zwei gebrochene Menschen, die einander stützen.



Einer der bewegenderen und zugleich deprimierenden Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe ist Tyrannosaur nichtsdestotrotz ein sehr guter Film. Er lebt von den wenigen Charakteren, stellt die Lebenslagen und -gründe hervorragend dar und die schauspielerische Leistung ist sehr gut.

Zugleich ist die Handlung erschreckend real. Die Schrecken eines sozialen Brennpunktes kann es genauso hinter Fassaden versteckt in den verwöhnten Luxusvierteln geben, und Stärke ist durch mehr als sich selbst definiert.

Mit diesem Erstlingswerk ist Paddy Considine ein guter Einstieg ins Spielfilmgeschäft gelungen, auch wenn er Drehbuch und den Vorlagenkurzfilm selbst gedreht hatte.



Bedrückender Film, aber gut.

Titel: Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte

Regie: Paddy Considine

Länge: 91 Minuten



Beklemmendster Monolog seit langem war Hanna kurz vorm Epilog.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Der Himmel über Berlin

Engel… Engel… Engel… Mensch.

Es gibt Engel und sie lauschen unseren Gedanken, und machen sich ihrerseits Gedanken zu ihnen, suchen gute Taten und können gute und hoffnungsvolle Gedanken vermitteln.

Damiel (Bruno Ganz) und Cassiel († Otto Sander) sind zwei solcher Engel, und im Verlauf des Films entwickelt Damiel ein so großes Interesse an den Menschen, an ihren Erfahrungen und Erlebnissen, dass er selber ein Mensch werden möchte. Ein Teil seines Interesses ist auf Marion gerichtet, eine Trapezkünstlerin, deren Gedankengänge Damiel anziehen.

Nach einer Unterhaltung mit Peter Falk, der Damiel weder hören noch sehen aber irgendwie dennoch spüren kann, entscheidet sich Damiel ein Mensch zu werden. Mit einer Ritterrüstung als Startkapital beginnt er durch Berlin zu wandern, bis er Marion wieder trifft bzw. kennen lernt.



Wim Wenders 1987er Film ist ein interessantes und künstlerisches Stück, das sich nicht gut beschreiben lässt. Die Engel durchwandern für die erste Hälfte Berlin und lauschen den diversen Gedanken der Menschen. Diese sind mitunter überaus lyrisch.

Da perspektivisch erzählt wird, grenzt Wenders die reingeistige Wahrnehmung der Engel von der physischen der Menschen durch Verwendung von Schwarz-Weiß bzw. Farbigkeit ab, was der gesamten Engelswelt ein tristes Dasein angleicht.

Die Handlung, Damiens Gespräch und Wandlung, kommen erst in der zweiten Hälfte wirklich zum Tragen. Zudem ist der Film umrahmt von dem Gedicht Lied Vom Kindsein, was einen weiteren surrealen Anklang verschafft.

Bekannt kann der Film jenen sein, die Stadt der Engel mit Meg Ryan und Nicolas Cage gesehen haben, der quasi eine Umsetzung des gleichen Themas ist.



Titel: Der Himmel über Berlin

Regie: Wim Wenders

Länge: 127 Minuten

Mittwoch, 19. Juni 2013

Memories of Emanon


Ich bin 3 Milliarden Jahre alt

Auf mehrstündigen Fährüberfahrt begegnet unserer namenlose Protagonist einer jungen Frau und kommt ein bisschen mit ihr ins Gespräch. Als sie eine Ausrede braucht, um nicht mit ein paar senilen Mitreisenden einen Trinken zu müssen, nutzt sie ihn zur Ausrede und bittet ihren Schatz mit ihr an die frische Luft zu gehen.

Ein bisschen perplex stimmt er zu und wandert mit ihr übers Schiff. Sie stellt sich als Emanon vor und gibt offen zu, dass das bloß ein Pseudonym ist. Im Bordrestaurant unterhalten sie sich und sie erzählt ihm eine Geschichte, über die er als Science-Fiction-Leser selbst entscheiden müsse, ob er sie glaubt oder nicht.

Denn Emanon ist wohl an die drei Milliarden Jahre alt…



Klicken zum Großifizieren
Viel mehr zu sagen wäre zu spoilernd, oder würde dem Impakt der Geschichte die Bedeutung nehmen. Ursprünglich ist Emanon nämlich ein japanischer Roman von Shinji Kajio, der von Kenji Tsuruta als Manga umgesetzt wurde. Wem dieser Name nichts sagt, er hat unter anderem Spirit of Wonder gemacht, eine dreibändige Sammlung lose zusammenhängender Science-Fiction-Geschichten.

Und ähnlich zu diesen ist auch Emanon eine eher träumerische Geschichte. Der Charakter, aus dessen Perspektive wir die Handlung sehen, ist namenlos, die Handlung ist leicht melancholisch und auf der Härteskala definitv auf der weichen Seite von Scifi.

Die Zeichnung sind wie für Tsuruta üblich detailliert in einem Grad, der ans obsessive grenzt, oft mit dialogfreien Intervallen, die einfach zum Beschreiben und Einfangen der Atmosphäre dienen.

Interessanterweise gibt Kajio unumwunden zu, dass der Charakter Emanon nach seiner Traumfrau gestaltet wurde – mysteriös, Jeans, lange Haare, Sommersprossen und Zigarette.



Mir hat Emanon sehr gut gefallen, aber ich mag solche Geschichten auch.

Titel: Omoide Emanon (übersetzt: Memories of Emanon / Erinnerungen von/an Emanon)

Autor: Shinji Kajio

Zeichner: Kenji Tsuruta

Länge: 2 Bände, Schwarz-Weiß, wenige Farbseiten

Sprache: Japanisch, Englisch in Fanübersetzungen

Status: abgeschlossen

Mittwoch, 8. Mai 2013

Yokohama Einkaufstour



Eine sehr entspannte Barista und ihr Alltag im leeren Café



Alpha ist die Bedienung in einem abseits gelegenen Landcafé in Japan. Ihre Gäste sind selten, und kann tagelang vorkommen, dass überhaupt keiner kommt, aber dennoch ist sie die meiste Zeit in ihrem „Café Alpha‟. Sie verbringt aber auch einige Zeit damit, auf ihrer Mondharfe zu spielen oder ihren Nachbarn einen Besuch abzustatten. Sie kann sich solch eine laxe Einnahmequelle aber bloß leisten, weil Alpha ein Roboter ist, genauer ein Android (oder noch genauer, Gynoid), also ein sehr menschenähnlicher Roboter. Allein ihre grüne Haarfarbe gibt Auskunft über ihre Natur.

Alpha ist mit den Nachbarskindern befreundet und eine umgängliche Person, die auch schnell mit der Postbotin Kokone ins Gespräch kommt. Sie ist auch gleich der erste andere Robot, den Alpha zu Gesicht bekommt und sie ist fasziniert.



Ehrlich gesagt ist es sehr schwer Yokohama zu beschreiben. Der Manga spielt in einer nicht ganz aber doch gewissermaßen postapokalyptischen Zukunft; der Meeresspiegel ist gestiegen und küstennahe Städte sind überschwemmt, aber sowohl die Menschheit als auch Zivilisation gibt es noch. Ein riesiges, kranichförmiges Raumschiff befindet sich in einer Umlaufbahn um die Erde und es gibt seltsame, beinah fantastisch anmutende Organismen wie leuchtende Bäume, die in ihrem Wachstum und Ausbreitung Straßenlaternen bei Nacht ähneln.

Es ist nicht klar,was geschehen ist, aber der Text deutet an, dass sich die Welt in einem Dämmerzustand befindet, dass der Tag der Menschheit in die Abendstunden übergeht. Die Hektik und Hitze des Mittags ist vorüber und es wird sich entspannt zurück gelehnt, um die Abendsonne zu genießen. Ein Grundgefühl der Nostalgie, irgendwie…

Dies beschreibt auch recht gut das Lesegefühl von Yokohama. Ist man die üblichen Genreeinteilungen in Action und Abenteuer, Romantik und Gefühle gewohnt, so entzieht sich Alphas Geschichte diesen. Große Strecken kommen vollkommen ohne Dialoge aus, mit einzig Lautmalereien als lesbare Teile. Und wenn gesprochen wird, starren einen keine Textwüsten an, sondern Dialoge mit gelegentlichen Kamerafahrten, wenn man so will. Allerdings besticht Yokohama nicht mit umwerfenden Monumentalpanoramen, sondern bleibt meist auf relativ kleiner Ebene in seinen Szenerien.

Wirklich zu schade, dass es keine Veröffentlichung außerhalb Japans gab…



Eine Reihe die sich liest wie ein Dösen in der Abendsonne. (Das ist als Kompliment zu betrachten)

Titel: Yokohama Kaidashi Kikou (Übersetzt: Yokohama Einkaufstour)

Autor: Hitoshi Ashinano

Länge: 14 Bände, abgeschlossen

Sprache: Japanisch (+ diverse Fanübersetzungen)

Freitag, 22. Februar 2013

Silver Linings

Ehemals psychisch instabiler versucht zerbrochene Ehe zu retten

Pat hat ein Problem. Hatte ein Problem. Aber er arbeitet daran, ehrlich! Seine Ehe mag zerbrochen sein, und er hat eine Unterlassungsklage vorliegen, die ihn daran hindert seine Frau zu sehen oder seinen ursprünglichen Beruf als Lehrer auszuüben, aber... er arbeitet daran. Er hat abgenommen, wie es seine Frau Nikki von ihm verlangt hatte. Er hat eine Strategie für seine Stimmungsschwankungen, wirklich!

Und so zieht er erstmal wieder bei seinen Eltern ein. Sein Vater hat frisch den Job verloren und versucht sich jetzt als Buchmacher für Wetten (insbesondere bei Baseballspielen seiner Heimatmannschaft) und möchte über die gemeinsame Leidenschaft wieder eine Verbindung mit seinem Sohn herstellen. Die Mutter ist Hausfrau und vermittelt zwischen den beiden.

Tiffany, nun ja, sie ist die Schwester der Frau von Pats bestem Freund, dem es auch nicht so gut geht hinter seiner Lächelfassade. Bloß Tiffany kommt genauso wie er auch aus der Psychischen. Sie nimmt kein Blatt vorm Mund, und Pat ist immer noch in Nikki verliebt, kommt aber nicht an sie heran. Tiffany allerdings kann das... wenn er als Gegenleistung ihr Tanzpartner wird. Ihr Mann ist gestorben (woran Pat sie immer wieder erinnert, genauso wie außergewöhnlich stark die Liebe zwischen Nikki und ihm ist) und sie wollte schon immer an diesem Tanzwettbewerb teilnehmen. Knirschend schlägt er ein.



Silver Linings ist ein romantisches Drama? Dramatische Romanze? Irgend etwas dazwischen auf jeden Fall, und auf jeden Fall recht nett. Wir Zuschauer folgen Pats Pfad und Leben ab dem Zeitpunkt, wo er aus der Anstalt entlassen wurde. Zuerst wird er von seiner Familie quasi wie rohe Eier behandelt, und später von den Freunden seines Bruders „scherzhaft‟ als Irrer aufgezogen. Somit ist der Film im Hintergrund eine Betrachtung des Stigmas von Personen, die sich in psychisch stationärer Behandlung befanden, ohne dabei auf die Melodramadrüse zu drücken.

Im Vordergrund geht es darum, wie Pat mit seiner Unterlassungsklage versucht, mit seiner entfremdeten Frau wieder Kontakt aufzunehmen, und wie seine stationäre Behandlung seine Familie getroffen hat.

Mir hat er gut gefallen, auch wenn ich nicht begeistert war, war Silver Linings dennoch ein schöner Film.

Titel: Silver Linings

Regie: David O. Russel

Länge: 122 Minuten

Freitag, 8. Februar 2013

Frankenweenie

Ein Schritt zurück und doch passend schön

Victor Frankenstein ist ein relativ normaler, etwas eigenbrötlerischer Junge, dessen bester und zugleich einziger Freund sein Hund Sparky ist. Victors Vater macht sich aber Sorgen darüber, dass sein Sohn sozial so zurückgezogen ist und als Victor dann die Erlaubnis zur Teilnahme am Wissenschaftswettbewerb möchte, soll Victor im Gegenzug sich mal beim Baseball versuchen.

Angefeuert von seinen Eltern und Sparky schlägt Victor den Ball weit, weiter und da sie beiden immer zusammen Ball gespielt hatten, reißt sich Sparky frei und läuft dem Ball hinterher. Der Homerun landet außerhalb des Felds und Sparky ist freudig dabei, den Ball zurückzubringen, als er einfach über die Straße läuft und das unausweichliche passiert.

Nachdem sie Sparky begraben haben, ist Victor vollkommen niedergeschlagen. Im Naturwissenschaftlichen Unterricht nehmen sie gerade Elektrizität dran, und eines der Experimente lässt eine Frosch mit seinen Beinen zucken. Victor kann gar nicht anders, als sich an diesen Hoffnungsschimmer zu hängen.

Heimlich macht er sich daran und zuerst scheint sein Experiment nicht von Erfolg gekrönt und er verabschiedet sich weinend nochmals von seinem besten Freund, als Sparky anfängt sich zu rühren. Es ist geglückt! Er lebt! Mit ein paar Macken, aber trotzdem, er lebt! Bloß muss das ganze geheim bleiben, aber ein Hund, allein und auf dem Dachboden eingesperrt solange Victor in der Schule ist, nun ja.

Es kommt wie es kommen muss – der buckelige Edgar aus der Schule sieht Sparky und hält nur still, wenn er bei Victors Wissenschaftsprojekt mitmachen darf...



Natürlich geht es noch weiter, aber belassen wir es erstmal dabei. Frankenweenie ist ein schwarz-weißer Stop-Motion-Film in 3D, und interessanter weise nicht so flüssig in den Bewegungen der Figuren wie man erwarten sollte. Dies war aber eine absichtliche Entscheidung von Tim Burton. Nachdem zu seinem vorigen Film Corpse Bride angemerkt worden war, dass die Figuren so flüssig animiert waren, dass es wie aus dem Computer wirkte, wollte Burton für Frankenweenie den hakenden Charme der Stop-Motion-Filme wieder haben.

Victors hat eine Unmenge seltsamer Mitschüler, nicht nur den neugierigen Edgar, sondern auch beispielsweise das seltsame Mädel mit ihrer wahrkackenden Katze (schaut's euch selbst an), und alle wollen beim Wissenschaftswettbewerb gewinnen. Sie erschaffen ihre eigenen untoten Tiere, die aber alle etwas anders sind als erwartet.

Für einen Burton-Film schien mir Frankenweenie etwas seltsam, und das 3D nicht gut umgesetzt, aber ich weiß nicht ob letzteres vielleicht auch Burtons Absicht war. Ursprünglich war Frankenweenie nämlich ein Kurzfilm von Burton, bevor er seine ersten größeren Regien führte.

Insgesamt kann man den Film wohl als eine Homage an die Horrorfilme der 1950er Jahre verstehen mit vielen liebevollen Erinnerungen daran.



Alles in allem ein netter Film im Burton-typischen Design, aber kindertauglich.

Titel: Frankenweenie

Regie: Tim Burton

Länge: 87 Minuten

Samstag, 25. Februar 2012

Cheyenne – This Must Be the Place

Sean Penn explodiert.

Neben dem Pfeffer aus der gleichnamigen Region ist Cheyenne auch noch ein in die Jahre gekommener Gothmusiker, der seinen letzten Bühnenauftritt vor zwanzig Jahren hatte und vor dreißig das letzte Mal mit seinem Vater gesprochen hat. Und irgendwie veranlasst der Tod des letzteren ihn dazu, sich auf eine Art Selbstfindungsreise zu begeben.

Doch beginnen wir von vorne...

Der Film beginnt damit, das Leben von Cheyenne zu zeigen, einem verblassten Stern am Musikhimmel, der ein kleines Dutzend Neurosen hat, sich seinem Goth-Stil entsprechend schminkt, in einer Villa mit leerem Pool lebt und an sich im normalen Leben angekommen ist. Seine Tage besteht aus Tiefkühlpizza und seiner Frau, regelmäßigen Besuchen auf dem Friedhof um gestorbenen Fans zu gedenken und Schuldgefühle zu lindern, Einkäufen im Einkaufszentrum und allgemein einem eher bürgerlichen Leben.

Wie sollte es auch anders sein, hat Cheyenne sich doch bereits vor zwanzig Jahren nach dem Selbstmord zweier Fans aus dem Showbusiness zurückgezogen. Seine Freunde sind in etwa genauso skurril wie er – der übergewichtige Arschlochgigolo, oder auch die mit seiner Karriere besser vertraute jugendliche Fannin (oder wie auch immer die weibliche Form von "Fan" lautet).

Als sein Vater im Sterben liegt, macht er sich unverzüglich per Schiff auf (er hat Flugangst) nach Amerika und kommt zu spät (ein Ozeanriese ist nun Mal kein Schnellschiff). Von einem Verwandten erfährt Cheyenne, dass sein Vater Zeit seines Lebens nach seinem Peiniger aus Auschwitz gesucht hat und macht sich auf die Suche nach ihm, anscheinend weil er gerade nichts besseres zu tun hat.

Dies artet in eine Art Roadtrip aus, mit den typischen dazu gehörigen Stilelementen, aber immer im Hinterkopf mit dem Ziel vor Augen, den Nazi ausfindig zu machen.

Dabei trifft er gleichermaßen auf normale wie schräge Vögel – die allein erziehende, im Diner arbeitende Mutter, der künstlerische Tätowierer, ein autoverliebter Yuppie. Und gerade die Interaktion von Cheyenne mit diesen Charakteren macht das ganze so verdammt sehenswert, man will einfach sehen und hören, wie Kopfschuss Cheyenne mit diesen Menschen umgeht.

Der Film ist ein bisschen seltsam, aber ich glaube, dass ich das zu jedem Film sage, von daher sagt das nicht viel. Er wird getragen durch den wunderbar gespielten Cheyenne, der ständig wirkt, als hätte er Methadon geschnieft (er hat Angst vor Spritzen). Dabei ist er wunderbar zitierbar und es wird schnell klar, dass Cheyenne selbst gar nicht so recht weiß, was er mit sich anstellen soll, dass er kein Ziel hat und nicht lebt sondern nur vegetiert. Und während manch ein Mann in seinem Alter in eine Midlifecrisis rutscht und sich eine Porsche oder Geliebte zulegt, lernt Cheyenne mit Verantwortung umzugehen und wie es ist, dreißig Jahren nach der Pubertät erwachsen zu werden.

Ich finde es seltsam, dass ich die deutsche Synchronisation von Cheyenne sogar noch besser finde als das Original, denn in der Übersetzung klingt er noch ein bisschen verlorener als er ohnehin schon ist. Schade, dass die Synchronstudios immer noch nicht auf den Trichter gekommen sind, Akzente wie die von der jüdischen Familie im Original umzusetzen.

Titel: Cheyenne – This Must Be the Place

Regie: Paolo Sorrentino

Länge: 119 Minuten

Mittwoch, 22. Juni 2011

Alles, was wir geben mussten

Hm, drei Jahre seit dem letzten Eintrag? Egal!

“Alles, was wir geben mussten” ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Kazuo Ishiguro. Der Roman ist von 2005 und der Autor hat sich im Laufe der Jahre durch verschiedene Romane hervorgetan, wovon bereits ein weiterer zuvor verfilmt worden war (“Was vom Tage übrig blieb”).

Inhalt

Kathy, Tommy und Ruth sind Schüler des Hailsham-Internats in England zu Ende der 60er Jahre. Als Kathy zaghaft Interesse an Tommy zeigt, welches dieser erwidert, scheint sich zwischen den beiden eine Beziehung anzubahnen. Ruth, jedoch, ist schneller und schnappt sich Tommy zuerst... Eine neue Lehrerin unterdessen erklärt den Schülern des vierten Jahrgangs, zu welchem auch die drei gehören, die traurige Wahrheit ihres Lebens: Selbst wenn sie jetzt Kinder sind, so werden sie doch wahrscheinlich nicht lang genug leben, um alt zu werden, wie es Erwachsene tun. Tags darauf hat die neue Lehrerin die Schule verlassen und dem Zuschauer ist das erste Mal klar, dass hier etwas nicht stimmt.

Nach dem Schulabschluss kommen die drei auf ein Bauerndorf, wo sie weiter leben werden, einem sogenannten Cottage. Zusammen mit ihren Mitbewohnern leben sie dort in einem Bauernhaus, machen Ausflüge, und erwecken allgemein den Eindruck einer Wohngemeinschaft von Studenten. Bei einem dieser Ausflüge glauben sie Ruth' Original entdeckt zu haben, und als die drei zusammen mit einem Paar ihrer Mitbewohner nachschauen, streitet Ruth dies energisch ab. Später stellt das romantisch verbandelte Paar die Drei zur Rede betreffs eines Gerüchts. Dieses besagt, wenn sich zwei lieben, wirklich lieben, und das beweisen können, werden ihnen noch ein paar Jahre zusammen gewährt.

Hintergrund

Am Anfang des Films werden die nötigen Informationen eingeblendet, da bei Testvorstellungen die meisten Zuschauer nicht auf Anhieb verstanden, was geschah. Anfang der 1950er Jahre kam es zu einem Durchbruch in der Medizin, der innerhalb von wenigen Jahren dazu führte, dass die Lebenserwartung auf über 100 Jahre stieg. Der Verlauf des Films macht es deutlich - Kathy, Tommy, Ruth und all die anderen Kinder aus Hailsham und anderen Internaten sind künstlich geschaffen als Organspender für ihre Originale. Die meisten erleben ihren dreißigsten Geburtstag nicht, und die wenigsten halten die ‘Spenden’ öfter als viermal aus, bevor sie ‘vollenden’.

Die Tragik in dem Film rührt von der nicht realisierten Liebe von Kathy und Tommy, Ruth' wissentliches Hintergehen ihrer besten Freundin und von der Selbstverständlichkeit und Selbstaufgabe der Kinder, ihrem Abfinden mit dem ihnen zugedachten Schicksal. Es ist wirklich traurig mit anzusehen, wie die Kinder sich so nahtlos in ihre Rolle fügen.

Mir macht es wirklich Angst, was die Kinder zu solch einer Einstellung treibt und welche gesellschaftlichen Wandel nötig waren, um der Normalbevölkerung das Konzept schmackhaft zu machen. Leider wird keines von beiden im Film angesprochen.

Fazit

Der Film hat eine durchweg melancholische Note. Das stetig trübe Wetter, die Unausweichlichkeit des Schicksals von Ruth, Kathy und Tommy, die Apathie der Normalbevölkerung. Ich sage nicht, dass das schlecht ist, vielmehr ist es sehr gut umgesetzt, aber es bleibt traurig. Dennoch, ein guter Film.

Name: “Alles, was wir geben mussten” (“Never Let Me Go”)

Regisseur: Mark Romanek

Autor: Kazuo Ishiguro

Länge: 103 Minuten