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Montag, 3. Februar 2020

Red Moon / Roter Mond

Ein Astronaut steht auf schwarzem Boden vor einem staubwolkigen Hintergrund
Die Erde und China im Umbruch, mit dem Mond als gut beleuchtetem Nebenschauplatz

Knapp 30 Jahre nach der Gegenwart, im Jahr 2048, befinden sich die Erde, der Mond, die USA und China im Umbruch. Die Kapitalüberschüsse, die China über das letzte Jahrhundert angehäuft hat, fließen in riesige Infrastrukturprojekte auf der Erde, im Weltraum und auf den Mond. Der Weltraumvertrag ist effektiv überholt. Auf dem Erdtrabanten wird von den USA und China geologische, selenologische und bergbauliche Forschung im industriellen Maßstab betrieben, ähnlich wie Japan Walforschung betreibt. Regelmäßig fliegen Raketen zum Mond und wieder zurück, der Südpol ist größtenteils unter chinesischer Kontrolle und der Nordpol international, natürlich unter der Führung der USA. Es gibt keine G8 oder G7 mehr, nur noch die G2.

Fred Frederikson kam zum Mond, um ein abhörungssicheres Telefon für den Leiter der chinesischen Basis zu installieren und lernt auf dem Hinweg Ta Shu, ehemaliger Poet und beliebte chinesische Netzpersönlichkeit, kennen. Als der Leiter und Fred beide vergiftet zusammenbrechen, hilft Ta Shu Fred dabei vom Mond zu fliehen, zusammen mit der schwangeren Prinzlingin Chang Qi. Auf der Erde trennen sich die Wege von Ta Shu und Fred sehr schnell, während Qi zusammen mit Fred untertaucht.

Mehr will ich gar nicht zur Handlung sagen, denn die Handlung an und für sich ist nicht so lang, aber für Stänge jenseits der Handlung wurde viel Stoff verwendet. So ist beispielsweise Fred relativ offensichtlich neuroatypisch, obgleich seine genaue Diagnose nicht benannt wird. Mir als Laien kommt es wie Asperger vor, aber wie gesagt, ich verstehe davon nichts. Es ist bloß klar, dass Fred zwischen die Linien der verschiedenen ränkeschmiedenden chinesischen Institutionen geraten ist.

Genau schnell wird klar, dass Qi zwar eine Prinzlingin ist, d.h. ihre Eltern sind in der Partei sehr weit oben und mächtig, aber auch dass sie nicht mit der Politik der Partei übereinstimmt. Sie wurde zu ihrem Schutz zum Mond geschickt, wo sie augenscheinlich wenig politischen Schaden anrichten konnte, bevor sie aufgrund ihrer Schwangerschaft zurück zur Erde musste. Willensstark und wütend ist sie beteiligt an den derzeitigen Unruhen in China, und unter Verdacht bzw. Vorwurf einer ihrer Rädelsführer zu sein.

Und zu guter Letzt Ta Shu. War er früher Professor für Poesie und selber Poet, so hat er seine dichterische Ader vor einigen Jahren aufgegeben und stattdessen Berühmtheit für seine Kolumnen und Reisetagebücher erlangt. Er bereist die Welt und gibt seine Eindrücke für chinesisches Publikum durch seine belesene, chinesische Linse wieder. Wie so viele Chinesen liebt er sein Land, aber das heißt nicht, dass er seine Augen vor dessen Problemen verschließen kann. Eine halbe Milliarde Menschen lebt und arbeitet in prekären Verhältnissen, weil veraltete Verwaltungssysteme sie dazu zwingen. Das chinesische Internet ist durch die Große Firewall vom Rest getrennt und bekommt bloß gefilterte Informationen. Pressefreiheit existiert bloß im Einklang mit dem Willen der Partei, und die Partei ist schließlich das Volk.

In den USA ist während der letzten Jahrzehnte die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeklafft und der Anteil der Prekären immer weiter gewachsen. Es formt sich eine „Bewohnervereinigung“, die eine Verstaatlichung von Kapital und Banken fordert, und zugleich findet ein Bankensturm statt, bei dem weite Teile der Bevölkerung ihr Geld von Banken abheben oder in Kryptowährungen transferieren.

Wie man sieht, ist das Ganze alles nicht leicht. Weite Teile des Romans folgen Fred und Qi auf ihrer Flucht, so dass sich mir ein bisschen der Eindruck eines Road Movies aufdrängte, bis darauf, dass dass es das nicht wirklich ist. Fred und Qi lernen sich kennen, und der Leser sie, aber genauso wird das Aufeinandertreffen der Kulturen, insbesondere bei Fred, sehr klar. Er hat schon so Probleme mit Menschen und Kommunikation, wenn da noch die zusätzliche Hürde einer anderen Kultur und ihrer kulturellen Geschichte hinzukommt, dann ist es wirklich schwer für ihn, Konzepte deckungsgleich mit seinen Vorstellungen zu bekommen. Am ehesten kann man es sich vielleicht so vorstellen, dass Qi Niederländisch und Fred Hochdeutsch spricht – bloß weil die Sprachen nahe verwandt sind und man einander beinahe verstehen kann, heißt das noch lange nicht, dass man es wirklich kann.

In dem Sinne ist Red Moon bzw. Roter Mond ein guter Einblick in die chinesische Psyche und Kultur. Es ist kein Rosettastein, aber zumindest ein Ansatz, an dem man sich anfangen kann entlang zu hangeln.

Skurril ist außerdem, dass der Roman offenbar nach den Regenschirmprotesten in Hongkong 2014 geschrieben wurde, aber vor den derzeitigen von 2019/20, denn innerhalb des Buches ist Hongkong gerade in den Nachwehen der bei der Übergabe 1997 abgeschlossenen chinesischen-britischen gemeinsamen Erklärung zu Hongkong. Genauso spielt der Roman explizit nicht im gleichen Setting wie KSR’s Mars-Trilogie.

Was ich dem Roman nicht so recht verzeihen kann, ist sein Ende, dass wirklich offen klafft. Allerdings würde es mich auch nicht wundern, wenn KSR keinen zweiten Teil schreibt, das traue ich ihm zu. Alternativ würde der potentielle zweite Teil nicht den Faden wieder aufnehmen, sondern zu anderen Orten und Personen wechseln.

Ich habe den Roman auf Englisch gelesen (diesmal nicht als Hörbuch), und anschließend in der deutschen Übersetzung geblättert, und ich muss sagen, so richtig überzeugt hat die mich nicht. Teilweise wurden Absätze umhergeschoben und ganze Sätze, die für das Verständnis durch relevant waren, komplett gestrichen. Da ich nie Übersetzer war, oder nie in der Position dafür bezahlt zu werden, kann ich keine Einblicke oder Erklärungen dafür geben, aber die Entscheidungslogik würde mich schon sehr interessieren. Ich meine damit nicht, dass eine Übersetzung länger ist als das Original; beim Lesen von englischsprachigen Büchern merke ich gelegentlich auf und frage mich, wie ich diesen oder jenen Satz übersetzen würde, und oftmals ist es einfach so, dass ein zackiger Ausdruck im Englischen keine einfache Übersetzung hat und daher umschrieben werden muss. Dennoch erklärt das nicht das Streichen von Sätzen und Absätzen, oder zumindest nicht in einem für mich zufriedenstellenden Maße.


Nahaufnahme eines Astronauten, im Visier reflektiert die rote, chinesischen Flagge
Ich habe gemischte Gefühle :/

Titel: Red Moon (bzw. Roter Mond)

Autor: Kim Stanley Robinson (Übersetzer: Jakob Schmidt)

Sprache: Englisch (Orbit), Deutsch (Heyne)

Länge: 480 Seiten / 143k Wörter, 624 Seiten / 152k Wörter

Samstag, 18. Januar 2020

Luna

Hyperkapitalismus und Dynastiendrama

Um die 2050er begann die ausschweifende Besiedlung und Industrialisierung des Mondes durch die sogenannten Fünf Drachen: die Mackenzies, die Suns, die Woronzows, die Asamoahs und die Corta. Diese Familien führten dieses Unternehmung an, und sie bestimmen die Politik und die Gesellschaft auf dem Mond, denn obgleich die Familien miteinander reden, sind sie auch alle in Konkurrenz miteinander.

Die Reihe spielt größtenteils um 2100. In die Welt eingeführt werden wir durch Marina, die sich als erdgeborene Tagelöhnerin auf dem Mond alles verdienen muss: Wasser, Luft, Kohlenstoff, Daten. Diese vier Elemente sind immer im Handel auf dem Mond, und ist das persönliche Konto nicht gedeckt, dann wird einem das betreffende abgedreht. Durch Glück kommt sie an einen Job bei den Cortas als Kellnerin und wird später als muskulöse Erdgeborene Leibwächterin für den Klan. Mit ihr stolpert der Leser durch die Familienpolitik, die politischen Ehen, die Eheverträge, Vertragsbrüche, und sogar durch Duelle auf den Tod.
Sie ist aber nicht die einzige Hauptfigur, sondern bloß die Einführung zu den Cortas, denen wir im Verlauf der Reihe folgen. Mit ihrer Spezialisierung auf 3He-Extraktion aus dem Mondregolith sind sie einer der Drachen und halten mit ihren Lieferungen die Lichter auf der Erde am brennen. Aufgrund ihres brasilianischen Erbes und Hintergrundes (und weil sie der „jüngste“ Drache sind) betrachten die Suns und vor allem die Mackenzies sie abfällig und machen ihnen gerne Claims streitig oder ziehen vor Gericht.

Ich wusste ja schon länger, dass der Mond eine herbe Geliebte ist, aber während Heinlein dies optimistisch darstellt, ist McDonalds Version das pessimistische Zerrbild. In einer durch reinen Kapitalismus beherrschten Welt gibt es keine Sozialsysteme, keine Rechte, keine Polizei, und keine höhere Autorität, auf die man sich berufen könnte, sondern nur Verträge und Schiedsgerichte. Auf dem Mond ist alles käuflich, einschließlich der Leben, denn man lebt immer auf Miete. Die Luft in den eigenen Lungen gehört einem nicht, genauso wenig wie das Wasser in den Zellen – all das hat man von der Lunar Development Corporation (Kapitalgesellschaft zur Mondentwicklung) gemietet.

Wenn man sich aber im Gegenzug die Erde anschaut, die in der Reihe bloß eine Nebenrolle darstellt, dann würde man dort auch nicht unbedingt leben wollen. Multiresistente Krankheiten sind die Norm, der Klimawandel führt regelmäßigen Wetterextremen, und der technologische Fortschritt hinkt mehr als ein Pirat mit Holzbein.

Dem Mond zugutehalten muss man, dass die Spektrumnatur von Sexualität und Geschlechteridentität so anerkannt ist, dass sie gar nicht erklärt wird, sondern einfach als Hintergrund vorhanden ist.



Ich weiß nicht so recht, wie ich die Reihe verorten soll. Die Welt von Luna ist schon ziemlich cool, aber so dystopisch, dass ich trotz des technologischen Fortschritts nicht in ihr Leben würde wollen.

Titel: Luna (bzw. Luna: New Moon), Luna: Wolfsmond (Luna: Wolf Moon), Luna: Drachenmond (Luna: Moon Rising)

Autor: Ian McDonald

Sprache: Deutsch (Heyne), Englisch (Tor)

Länge: 3x 416–449 Seiten

Donnerstag, 13. Juli 2017

Lunar Discovery

Mindermäßige Neuauflage des Weltraumrennen

Die Chinesen lösen unabsichtlich auf dem Mond ein Signal aus, das unweigerlich außerirdischen Ursprungs ist. Es ist so eindeutig außerirdisch, dass selbst Amateurastronomen und Hobbyfunker es hören können, wenn sie auf der richtigen Frequenz sitzen. Das Signal zerstört aufgrund seiner Intensität auch direkt die chinesische Sonde.

Also machen sich die drei Weltraummächte USA, Russland und China auf zum Mond.

Da wäre bloß das Problem, dass seit dem Apolloprogramm kein Mensch mehr dort gewesen ist und die Technologie nicht mehr existiert.

Die Chinesen probieren es mit mehreren hastig zusammengeschweißten Raketen. Die Russen schicken ihre neue Raumstation Gordust. Die Amerikaner bauen ihren Marsrover zu einem Mondbuggy um.

Und alle drei scheitern, mehr oder weniger. Nachdem das chinesische Militär Kontrolle über das Weltraumprogramm genommen hat, kommt es zu den erwartungsgemäßen Fehlschlägen. Die russische Raumstation ist natürlich nicht für einen Mondflug ausgelegt und muss erstmal vorbereitet werden, d.h. Raumkapseln, Vorräte, und Panzerung gegen die starke Strahlung des außerirdischen Signals.

Natürlich schaffen es alle drei zum Mond, mehr oder minder, und zwar nahezu zeitgleich innerhalb von zwei Monaten.

Das ganze ist hanebüchen. Die technischen Aspekte mögen halbwegs gut durchdacht sein, aber der Zeitstrahl ist lächerlich. Genauso verhält es sich mit der Darstellung der drei politischen Lager. China ist offensichtlich militärisch-diktatorisch, Russland ist grenzwertig kompetent, aber technisch zurück, und die USA haben die glitzerndsten Spielzeuge und retten allen den Arsch.

Tja, was soll ich sagen. Es wäre was anderes wenn die Charaktere Tiefe besäßen, wie zum Beispiel in Mother Moon, aber dem ist leider nicht so. Alle sind ziemlich stereotyp in ihren Interaktionen untereinander und kommen eher wie Pappfiguren denn Personen rüber. Das ganze Drama mit den Gefahren für Astronauten/Kosmonauten/Taikonauten bei einer solchen Mission? Es kann nicht aufgebaut werden, wenn man sich nicht mit den Charakteren identifizieren kann, wie es hier der Fall war. Alle hätten umkommen können und es hätte mich nicht berührt.

The reentry was successful, and Julie felt relieved there were no complications. Despite the thrill of being an astronaut, she was always a bit anxious when she had to use Russian equipment to reach space and back. The mere act of being an astronaut was far more dangerous than any actuary chart could illustrate.

Weiterhin ist der Autor in Aspekten inkonsequent. So gibt er der russischen Raumstation einen Namen, Gordust, übersetzt "Stolz", schwenkt im Narrativ aber immer wieder zwischen Gordust und Stolz bzw. Pride. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner in der Realität stets Mir und Welt/Frieden gleichermaßen verwendet haben, da verstehe ich nicht wieso es der Autor tut. Meine Vermutung ist, dass es etwas mit der amerikanischen Tradition in Benennungen zu tun hat, die haben viele Substantivnamen und selten Eigennamen.

Unerwähnt blieben der mir übel aufstoßende Prolog und Epilog. Im Ersten interveniert die außerirdische Sonde bei einem Konflikt zwischen einer Gruppe Cro-Magnon-Menschen und Neandertaler, zu Gunsten der Cro-Magnons. Im Epilog wiederum wird der Empfang weiterer Signale von im Sonnensystem erwähnt, und das Signal als ‘perfekter genetischer Code’ entschlüsselt, welcher Heilung der meisten Krankheiten verspricht, sowie aus irgend einem Grund für Übergewicht und aktinische Keratose kodiert.
Meine Vermutung ist ein Plan der Außerirdischen uns alle zu Echsenmenschen zu machen.



Nee, nicht wirklich empfehlenswert.

Titel: Lunar Discovery: Let the Space Race Begin

Autor: Salvador Mercer

Sprache: Englisch (normal)

Länge: 300 Seiten (Amazon-Zählung), 85k Wörter

Mittwoch, 5. Juli 2017

Dienstag, 26. November 2013

Planetes

Astronaut Hachimaki reaches for a floating screw while he is tethered to a nearby spaceship; the Earth fills the background
Müllsammler im Weltraum

Hachimaki ist der Außenbordspezialist der Toybox, dem Raumschiff der Abteilung Debris (Weltraummüll), und sein Arbeitsplatz ist der nahe Weltraum im Erde-Mond-System. Zusammen mit seinem Kapitän Fee, Spezialist Yuri und den Kollegen auf der Raumstation ISPV-7 ist ihre Aufgabe die Reinigung des Weltraumorbits von Debris, sogenanntem Weltraummüll. Obgleich dies schon lange nötig war, rückte erst durch einen tragischen Unfall einige Jahre vor der Serie die Problematik in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und es wurden Maßnahmen getroffen.

Da die Weltraummüllsammlung und -entsorgung aber mit wenig bis keinem Profit verbunden ist, stattet Technora, die eigentliche Firma, die Abteilung nur mit dem nötigsten aus, weshalb sie auch abfällig den Namen "Sektion Halb" trägt.

Tachibana, zufälligerweise ebenso wie Hachimaki Japaner, stößt frisch zur Sektion Debris hinzu und ihr Idealismus und ihre Vorstellungen von Moral und richtigem wie falschem Verhalten kollidieren direkt mit denen von dem nur wenige Jahre älteren Hachimaki. Sein Traum, ein eigenes Raumschiff zu haben, scheint in immer weitere Ferne zu rücken, während Hachis bester Freund Cheng-Chin als Pilot auf der Karriereleiter immer weiter steigt und bald Passagierschiffe fliegen darf.

Zugleich gibt es einen im Hintergrund schwelenden, politischen Konflikt um die Erschließung des Weltraums. Die verschiedenen weltraumtüchtigen Nationen sind in einer internationalen Vereinigung, ähnlich den Vereinten Nationen, und schöpfen die Profite ab, während die Staaten und Völker, auf deren Rücken das Weltraumrennen ausgetragen wurde, leer ausgehen bzw. von den reichen Staaten mit Waffen für die diversen Konflikte beliefert werden.

Dem entgegen stellen sich verschiedene terroristische Organisationen, allen voran die Weltraumbefreiungsfront, die durch ihre Bombenanschläge Angst und Schrecken verbreitet. Die Weltraumnationen andererseits bauen gemeinsam ein Raumschiff zur Erkundung und wirtschaftlichen Erschließung des Jupiter.



Planetes, sowohl der Manga als auch Anime, bauen eine glaubwürdige Vision der nahen Zukunft auf, in der es nach wie vor Konflikte gibt, aber auch Hoffnung.

Hachimaki und Tanabe sind die beiden Hauptcharaktere, aber obgleich beide Japaner sind, ist die Welt, oder zumindest die Firma bzw. Organisation, internationaler. Man sieht stets Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen, seien es Europäer, Asiaten, Afrikaner oder Nord- bzw. Südamerikaner. Zugleich wird die Diskrepanz zwischen den technologisch hochgerüsteten Nationen, unabhängig vom Erdteil, und den Schwellen- und Entwicklungsländern thematisiert.

Dabei ist wissenschaftlich quasi nichts zu bemängeln und Anmerkungspunkte sind gegebenenfalls dem Medium geschuldet. Es ist nun Mal etabliert, dass bei Astronauten das Gesicht gezeigt wird, obgleich das im Weltraum den Astronaut blenden und verbrennen würde. Dieses Problem wird zum Beispiel von Makoto Yukimura durch Kameras in den Helmen angesprochen, die an sich permanent sichtgeschlossen und mit Tasten für eine Bedienung versehen sind.

Die Charaktere sind alle sehr gut als eigenständige Persönlichkeiten etabliert, auch jenseits der Sektion Debris. Beim Anime muss ich sagen, dass mir manche Stimmen in der deutschen Synchronisation gegen den Strich und zu… archetypisch gewählt klingen, Claire zum Beispiel wird nicht nur aufreibend dargestellt, sondern klingt auch dementsprechend.

Als Fazit kann ich nur sagen, dass sowohl der Manga als auch Anime definitiv konsumierenswert sind, denn es gibt viele Handlungsbögen, von denen seltsamerweise keiner irgendwie zu kurz kommt.



Titel: Planetes

Autor: Makoto Yukimura

Länge Manga: 5 Bände
Länge Anime: 26 Folgen zu je 24 Minuten

Freitag, 15. Juni 2012

Men in Black 3

14 Jahre nach dem ersten Teil kam jetzt der dritte in die Kinos, in welchem J eine Zeitreise unternimmt, nachdem K aus der Zeit getilgt wurde.

Für diejenigen, welche Men in Black nicht kennen: Es gibt eine streng geheime Regierungsbehörde, welche sich mit der Einreise, dem Aufenthalt, der Tarnung und Integration sowie der Abreise von Aliens beschäftigt, die sogenannten Men in Black. Die Erde ist quasi eine Art Weltraumschweiz. Touristen sind willkommen, aber Krieg bleibt draußen, und darum kümmern sich die MiB.

Im ersten Film wurde Will Smith als Agent J rekrutiert und von Tommy Lee Jones – Agent K – in das Prozedere und den Ablauf des ganzen Geheimdienstapparates eingewiesen, während sie sich gleichzeitig auf die Suche nach der Schabe machten. Letztere suchte auf der Erde nach einer bestimmten Energiequelle, die von ihren Erschaffern geschützt wurde. Sie würden die Erde leider lieber vernichtet sehen als die Energiequelle der Schabe zu überlassen.

Alle Erkennungsmerkmale wurden hier vorgestellt: der MiB, die technischen Spielereien (Gedächtnislöscher, auch bekannt als Blitzdings, Weltraumwummen, ...), die Dynamik zwischen J und K, die Charaktere.

Der zweite Teil ist mir nicht so gut im Gedächtnis haften geblieben, aber K wird nach fünf Jahren aus dem Ruhestand geholt, weil er als einziger der bösen Serleena bei ihrer Suche nach einem wortwörtlich machtvollen Zepter zuvorkommen kann, welches er vor 25 Jahren selbst versteckt hat. Das Problem: Vorm Ruhestand wird einem Agenten das Gedächtnis gelöscht, und es gibt keinen Entlöscher. So müssen sich die beiden in scheinbar verkehrten Rollen – J als alter Hase, K als Neuling – beeilen, damit sie Serleena ein Schnippchen schlagen können.

Leider hatte der zweite Teil nicht so gut mithalten können, aber das Problem mit Nachfolgefilmen ist endemisch. Besonders negativ haften geblieben ist mir da die Lord-of-the-Dance-Nummer des MiB-Direktors.

Im dritten Teil nun ist einiges anders. So beginnt der Film mit einem Gefängnisausbruch auf dem Mond und schwenkt dann über zur Trauerrede K's über den stepptanzenden Direktor. Dessen Nachfolgerin schien früher etwas mit K gehabt zu haben, was sich ein bisschen mit den Informationen aus dem ersten Teil beißt. Kontinuität, Leute. Wichtig!

Wie dem auch sei, J und K sind bald auf der Suche nach dem Ausbrecher, da dieser sich munter durch die Gegend meuchelt. Zum Glück sind sie vorbereitet, denn der Ausbrecher Boris hat noch ein Hühnchen mit K zu rupfen, der ihn '69 ins Gefängnis geworfen hatte.

Wäre da nicht die kleine Tatsache, dass nach einem Kopfschmerzanfall J mit einmal keinen Partner K mehr hat, ja nie gehabt hatte. Trotz den verwunderten Blicken seiner Kollegen glaubt ihm die Direktorin, denn sie kannte einen Agent K. Er starb vor über 40 Jahren im Dienst.

Hm. Seltsam.

Anscheinend gab es eine Zeitreise, in deren Konsequenz K aus der Zeitlinie getilgt wurde, und J bleibt nichts anderes übrig als Boris in die Vergangenheit zu folgen. Nicht (nur) wegen K, sondern auch wegen der Flotte Weltenfresser, die an sich seit einigen Jahrzehnten ausgestorben sind und sich gerade daran gemacht haben, die Erde wegzufuttern.

Obwohl der Film einige witzige Stellen hat, leidet er an der gleichen Sequelitis wie der zweite Teil, auch wenn nicht ganz so ausgeprägt. Dies ist sicherlich der veränderten Dynamik zwischen J und K, also dem jungen K, geschuldet. Viele der Eigenarten sind bereits bei der jungen Version vorhanden, wie der trockene, mimikfreie Humor, ohne jedoch den gleichen immerernsten Charakter zu haben, und so fragt man (und J) wie sich dieser leicht joviale K in den Griesgram verwandeln konnte, was in den Jahren vorgefallen ist, dass diese Wandlung erklären könnte.

Ich habe den Film in 3D gesehen, aber anscheinend wurde das 3D nur draufgeklatscht, wenn man von den Effekten absieht, anstatt in 3D gedreht. Schade eigentlich.

Vom Soundtrack fiel mir nur das zaghaft verwendete Titelthema auf und der erste Song vom Abspann, Back in Time von Pitbull, auf. Man hätte das Thema aber ruhig präsenter einbinden können, während Back in Time eine Dubstep-Bridge (?) hat – zumindest hört es sich so an.

Alles in allem ist dieser Teil besser als der zweite und immer noch schlechter als der erste. Nett, aber nicht toll.

Titel: Men in Black 3

Regisseur: Barry Sonnenfeld

Länge: 106 Minuten

Im Nachhinein fällt mir gerade auf, der griesgrämige K hatte in den Filmen mehr Liebschaften als der großmäulige J... interessant.

PS: Heimlicher Star: Griffin.

Freitag, 8. Juni 2012

Limit

Nachdem die Menschheit, ungeeint wie eh und jeh, endlich Bergbau auf dem Mond betreibt, kommt es zur Krise.

Ich beschreibe mal kurz die Zukunft, in der Frank Schätzings Limit spielt.

Es ist geschafft – der Weltraum scheint erstmals greifbar. Ein Idealist und Träumer, der zugleich Charisma und Unternehmergeist in sich vereinigte, hat geschafft, wofür er jahrelang belächelt wurde. Einen Weltraumaufzug. Der Name umschreibt das Konzept sehr treffend, denn es ist wirklich ein Kabel bis in den Weltraum, an welchem Aufzüge hoch- und runterfahren.

Doch damit nicht genug, denn der gleiche Mann hat zudem einen Bedarf für ein derartiges epochales Bauwerk geliefert, wiederum durch technologische Errungenschaften – Fusionsreaktoren. Während zu unserer Zeit der europäische ITER-Versuchsreaktor vor allem Energie frisst, liefern diese neuen Reaktoren Energie, und ihre Treibstoff ist Helium-3. Dieses findet man in geringen, aber förderbaren Mengen auf dem Mond. Mit konventioneller Raketentechnik eine Mondstation mit Helium-3-Förderung zu errichten, könnte ganze Kontinente ruinieren und würde noch nicht Mal den Bedarf decken, und der Grund dafür liegt in den immensen Energiemengen, die man für eine Reise zum Mond benötigt. Ein Aufzug macht das ganze sehr viel kostengünstiger, denn anstatt Treibstoff und Tanks und Raketenmotoren und allerhand anderen Kram mitzuschleppen, setzt man sich einfach in einen Aufzugwagen und fährt an dem Seil hoch.

Doch wer ist dieser charismatische Mensch? Julian Orley, Energiebündel, Visionär und Fantast, denn er hat all das und noch mehr geschaffen. Wir schreiben das Jahr 2025, die Fusion fängt an, ihre Versprechen der kostengünstigen Energieversorgung zu halten und das Brennmaterial wird durch den Weltraumaufzug sogar erschwinglich, womit verhältnismäßig schlagartig viele Energieprobleme der Welt durch diese günstige und saubere Alternative der Vergangenheit anzugehören scheinen.

Doch so ein epochaler Wechsel wird von der erdölbeherrschten Wirtschaft nur schwer verkraftet, denn durch die billige Energie und die Entwicklung günstiger Elektroautos und Solarzellen sinkt der Ölbedarf, was den Preis fallen lässt und bei hohen Barrelpreisen einträgliche Vorkommen ruckartig unrentabel macht. So ist das Werben der sterbenden Ölriesen um Orley nicht verwunderlich, sie wollen mit ins lukrative Boot.

Doch Julian lässt sich bei seiner Suche nicht beschränken und lädt 14 illustre und finanzschwere Personen ein, mit ihm das von seiner Tochter Lynn geplante und gebaute Mondhotel Gaia einzuweihen. Er möchte ihnen dabei einen Ausblick auf die Zukunft der Menschheit geben, denn trotz all seinen Erfolgs ist Julian Orley ein Philantrop, und so sind unter seinen Gästen Wasserwirtschaftler, Landwirtschaftsriesen, Ölmultis, Solarkräftige, Mediengiganten.

Parallel dazu ist Owen Jericho ein Privatdetektiv, seit Jahren in Shanghai tätig und lebend, und soll für einen Freund die Tochter eines Freundes ausfindig machen, die unvermittelt verschwunden ist. Als Digitalexperte nimmt er die Fährte der nebulösen Yoyo auf, macht Hinweise ausfindig und plötzlich stirbt eine seiner Spuren, der Mitbewohner Yoyos, bei einem waghalsigen und wahrscheinlich unfreiwilligen Manöver. Offensichtlich steckt mehr hinter der jungen Chinesin, als Owen zu Anfang vermutet hatte…

Wie schon beim Schwarm webt Schätzing ein komplexes Netz aus Charakteren und Handlung, gibt sich Mühe diesen Leben einzuhauchen, aber irgendwie will es ihm nicht so recht gelingen. Mag sein, dass es an meiner Abneigung zu solchen Themen liegt, aber einige Charaktere haben mit inneren Dämonen zu kämpfen, und irgendwie langweilen mich solche Kämpfe. So ist Lynn einem Zusammenbruch verdächtig nahe, und es ist glaubwürdig dargestellt, wie sich der Druck für einen solchen aus Umständen, Erwartungen und Charakteristika ergibt, aber das seitenlange Darstellen und suhlen in den emotionalen Exkrementen jahrelangen seelischen Raubbaus ist einfach nicht mein Ding.

So hat Limit während der ersten zwei Drittel unausweichlich Längen, in denen Schätzing sich den Dämonen seiner Charaktere oder teilweise irrelevanten Umgebungsbeschreibungen hingibt. Letztere sind besonders störend, denn mir drängt sich ungewollt der Gedanke auf, dass er etwas zeigen wollte. Dass er recherchiert und begründet hat, was er da alles geschrieben hat.

Das ist schade, denn das letzte Drittel zeigt Schätzings Vermögen, den Leser am Ball zu halten und den Spannungsbogen zu spannen. Immer wieder eine neue Wendung, immer wieder ein neues Hindernis, und stets doch bemessen genug, um den Bogen nicht zu überspannen.

Witzig empfand ich die kleinen Verneigungen gegenüber klassischer Science-Fiction. Beispielsweise sind die Mondfähren, da sie niemals eine Atmosphäre durchdringen müssen, pragmatisch designt und frei von aerodynamischen Erwägungen. Ästhetisch einigermaßen unansprechend, weil eine Hülle, abgesehen vom Schutz vor Mikrometeoriten und Sonnenprotuberanzen, einigermaßen überflüssig ist. Und doch erwägt Julian, von einem seiner Gäste darauf angesprochen, ob eine aerodynamische Hülle Sinn jenseits der technischen Aspekte machen könnte, gefrei dem Motto: Wenn man schon in einem Raumschiff fliegt, kann es doch auch nach Raumschiff aussehen.

Mehr noch als beim Schwarm bildet die Technologie nur einen Hintergrund der Geschichte und geht mehr um die Verwicklungen und den Fingerzeig, den Schätzing auf Möglichkeiten und Gefahren legen will. So kann ich nur sagen, dass mir der Roman von dem Szenario her – Aufbruch der Menschheit in den Weltraum – gefallen hat, da habe ich einfach eine Schwäche für, aber vom Inhalt trotzdem solide war, auch wenn der Roman ruhig ein-, zweihundert Seiten weniger hätte vertragen können.

Titel: Limit

Autor: Frank Schätzing

Länge: 1304 Seiten

Freitag, 25. Mai 2012

Iron Sky

Mondnazis greifen an!

Womit die ganze Prämisse des Films benannt wäre. Iron Sky nimmt sich in etwa so Ernst wie Ralf, wenn ihr versteht was ich meine.

Wir schreiben das Jahr 2018, und die USA werden von einem Sarah-Palin-Verschnitt regiert. Um sich ihre Wiederwahl zu sichern, schickt sie zwei Männer zum Mond: Einer ein legitimer Astronaut, der andere ein Model. Ein schwarzes Model, James Washington, wegen der Stimmen.

Oben angekommen besteht die erste Amtshandlung darin, die Kampagnenbanner mit dem Schriftzug "Yes, She Can!" auszurollen.
Als die beiden dann bei der Suche nach Helium 3 über einen Kraterrand blicken und ein riesiges Hakenkreuzgebäude erblicken ist klar – hier stimmt was nicht.

Der Astronaut wird von einem typischen, in Leder gekleideten Nazi mit Gasmaske erschossen (natürlich mit einer Luger) und Washington gefangen genommen.

In der Basis kommt auch prompt der Mondführer Kortzfleisch um sich den Gefangenen von Nachrichtenübermittlungsoberoffizier Adler präsentieren zu lassen – bis dieser sich bei der Abnahme des Helms als Schwarzer entpuppt. Die Nazis sind natürlich mehr als Baff und Washington nutzt die Gelegenheit zur Flucht, trifft dabei auf die idealistische Lehrerin Renate Richter und wird schlussendlich doch wieder geschnappt.

Im weiteren Verlauf des Films werden im Prinzip alle hanebüchenen Verschwörungstheorien über Nazis aufgegriffen und durch den Fleischwolf gedreht, um einen grotesken Brei an wunderbar unterhaltsamen, aber in sich schlüssigem Stoff zu bilden.

Ich zähle mal auf:
  • Nazis haben Ufos und Weltraumzeppeline
  • Nazis haben Fusion
  • Nazis haben die Endwaffe Götterdämmerung
  • Nazis haben Antischwerkraft
  • Nazis wohnen auf der dunklen Seite des Mondes
Wie soll man das nicht lieben können? Nicht wegen den Nazis, sondern vielmehr aufgrund des Geflechts an Parodien – Sarah Palin als US-Präsidentin, deren PR-Chefin eine Tirade à la Der Untergang hinlegt, die Ohnmacht der Konföderation/UN in ihrem War Room nach Kubricks Vorbild, das berüchtigte "Ab 5:45 Uhr wird zurückgeschossen", Elemente von Weltraumopern wie Star Trek, die obligatorische Weltraumschlacht am Ende... All diese Elemente persiflieren breitgefächert sowohl unsere derzeitige Politik als auch den Irrsinn und Größenwahn der Nazis.

Von den Effekten ist der Film auch ziemlich spektakulär, vor allem durch die Weltraumszenen, die zu Ende hin ein Spektakel bilden. Und was das Ende anbelangt, so sollte man sich vor Augen halten, dass Iron Sky nicht in Hollywood geschrieben, produziert oder gedreht wurde, so dass einige typische Konventionen nicht befolgt werden.

Übrigens wurde der Film zu einem nennenswerten Teil durch Fans über sogenanntes Crowdfunding finanziert, womit sich beteiligende Personen gewisse Extras oder auch Gewinnbeteiligungen sichern konnten.

Insgesamt lässt sich sagen, Iron Sky hat mir sehr gut gefallen, teilweise sogar mehr noch durch die Implikationen als den Film selbst, und er ist definitiv sehenswert. Wer nicht so auf Parodien steht, sollte ihn sich aber vielleicht lieber ausleihen/kaufen. Allein schon, weil man dann den wunderbar übertriebenen deutschen Akzent der Schauspieler hören kann.

Titel: Iron Sky

Regisseur:
Timo Vuorensola

Länge: 92 Minuten